Montag, 28. Januar 2013

Peter Schilling - "Völlig losgelöst"

Diese Buchrezension muss ich mit einem Glückwunsch beginnen, denn Peter Schilling, der eigentlich Pierre Schilling heißt und uns 1983 mit "Major Tom" auf der Neuen Deutschen Welle in die unendlichen Weiten des Weltalls gerockt hat, feiert heute am 28. Januar 2013 nicht nur sein 30-jähriges Bühnenjubiläum, sondern auch seinen Geburtstag. Darum: Alles Gute, Glück und Freude auf allen Wegen.


Der Beltz-Verlag war so freundlich, mir ein Exemplar von Peter Schillings Buch "Völlig losgelöst" Mein langer Weg zum Selbstwert - vom Burnout zurück ins Leben" zur Verfügung zu stellen, das in der letzten Woche auch den Weg in die Buchläden gefunden hat.
Vorab - ich habe es gern gelesen, allerdings, wie der Schwabe sagen würde, nicht ohne ein gewisses "Geschmäckle".
Stark fand ich es immer dann, wenn Peter Schilling direkt aus seinem Leben erzählte. Nicht, weil das die voyeuristische Seite, mit der man Prominenten gern über die Schulter schaut, befriedigte, sondern weil das Buch an diesen Stellen für mich wirklich authentisch war. Ich konnte Empathie entwickeln für einen Menschen, der, um eines von vielen Beispielen zu nennen, nach der Nachricht, dass er soeben die Hot 100 Billboard-Charts erobert hat, erst einmal eine Woche in einer Art Trancezustand verbracht hat, um dann in ein "Gefühl der inneren Leere und Einsamkeit" abzustürzen. Das hat mich berührt.
Nun könnte man meinen, dass das doch Jammern auf hohem Niveau sei, schließlich hat der Mann Millionen verdient. Aber wer die Mechanismen unseres Selbstwertes kennt, der weiß, dass Erfolg und Geld niemals die Wunden heilen können, die uns in der Kindheit zugefügt wurden. Und vor allem, dass niemand von außen beurteilen kann, wie tief solche Verletzungen sitzen.
Peter Schilling gibt viel von sich preis. Er erzählt von dem kleinen Jungen, der Wertschätzung von der eigenen Familie nicht oder nur kaum erfahren konnte. Von dem jungen Mann, der auf dem Höhepunkt seines Erfolges plötzlich zusammenbrach und aus einem inneren Antrieb heraus, alles gegen die Wand fuhr, um letztendlich wieder dort anzukommen, wo er angefangen hatte. Ganz unten. Er erzählt es ohne Anklage, stets mit dem Blick auf die eigene Verantwortung. Man nimmt ihm ab, dass er den Opfer-Status hinter sich gelassen hat.
Leider tappt das Buch in dieselbe Falle, die wir alle auch aus dem wahren Leben kennen. Nämlich dass jene, die durch die Hölle gegangen sind, anderen den Weg zeigen wollen. Das ist gut gemeint und Peter Schilling weist auch mehrfach darauf hin, dass das sein Weg war und man den nicht kopieren kann, sondern eigene Erfahrungen machen muss. Trotzdem überschreitet das Buch mit zunehmender Seitenzahl mehr und mehr die Grenze von der Biographie hin zum Ratgeber. Plötzlich liest sich das Ganze wie eine journalistische Abhandlung über die Macht des Selbstwertes und das war für mich der Punkt, an dem ich zeitweise den Kontakt zum Buch verloren habe. Wer schreibt jetzt hier? Der geläuterte Schilling, der mir fast freundschaftlich und im Plauderton die Welt der Psyche erklärt und gleichzeitig mit einen Rundumschlag unseren gesellschaftlichen Status Quo erläutert? Das hätte das Buch nicht gebraucht, denn die Biographie und der Weg, den Peter Schilling hinter sich hat, wären allein von sich heraus stark genug gewesen, die Seiten zu füllen.
Zu Gute kommt dem Buch, dass es recht locker und unterhaltsam geschrieben ist, sodass ich keine Mühe hatte, trotzdem bis zum Ende dranzubleiben. Gestört hat es mich hin und wieder trotzdem und darum das "Geschmäckle", denn dass es ein Ratgeber ist, steht nicht auf dem Cover und so hatte ich Erklärungen, die über die persönlichen Erfahrung oder Einschätzungen des Autors hinausgehen und stellenweise noch mit Zitaten aus anderen Ratgebern unterlegt sind, einfach nicht erwartet.
Aber vielleicht war das der Kompromis für den Beltz-Verlag, der ja neben seinen Kinder- und Jugendbüchern eher im Psychologie- und Ratgeber-Segment heimisch ist.

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