Dienstag, 3. Oktober 2017

Gefühle sind keine Krankheit – Warum wir sie brauchen und wie sie uns zufrieden machen

Reden wir über Gefühle. Ich kenne viele Menschen, die bei diesem Satz die Augen verdrehen oder grinsen. Gefühlvoll zu sein, ist eine Sache – das nach außen zu tragen oder sich mit anderen über die eigenen Gefühle zu unterhalten, eine andere. Meine Generation, die meiner Eltern, Großeltern und selbst meine Kinder leben in einer Welt, in der es einfach nicht zum Leben dazu gehört, Gefühle zu zeigen. Darum haben es sich viele Menschen schlichtweg abgewöhnt, welche zu haben. "Läuft alles super!" ist ein Satz, den man immer wieder hört und gleichzeitig spürt, dass U-Boote durch die Seele fahren, weil überhaupt nichts super ist.



Soweit vorweg.

Ich habe das Buch in einem Zug gelesen. Es ist unterhaltsam, gut geschrieben und auf zweierlei Art mutig. Zum einen, weil der Autor, Dr. med. Christian Peter Dogs, sich als Psychotherapeut sehr weit aus dem Fenster lehnt und seine eigene Geschichte erzählt. Das macht er sympathisch unaufgeregt. Trotzdem musste ich einige Male innehalten, weil mir glatt die Luft weggeblieben ist angesichts der leidvollen Erfahrungen, die er zu schultern hatte. Hier zeigt sich jedoch eine mit Resilienz ausgestattete, willensstarke Persönlichkeit, die kein Problem damit hat, über die eigenen Empfindungen zu sprechen.  Das waren für mich die stärksten Passagen im Buch, weil immer wieder durchblitzte, dass da jemand schreibt, der die Hölle erlebt und sein Leben auch oder gerade durch diesen Kontext eigenverantwortlich gemeistert und gestaltet hat. Das macht Mut.

Trotzdem ist es – das weiß ich aus eigener Erfahrung – in seinem Berufsumfeld nicht gerade Usus, die eigene Geschichte ans große Brett zu heften. Soll doch der Therapeut eine weiße Leinwand sein, auf die der Patient seine Projektionen werfen kann. Dass das selten funktioniert und manchmal der Heilung sogar im Weg steht, belegt der Autor an vielen Stellen sehr plausibel. Aber es gehört eben Mut dazu, mit Traditionen zu brechen, etwas Neues zu wagen, Vorreiter zu sein. Da muss der Autor gar nicht so häufig betonen, wie viele Patienten er schon gesehen oder behandelt hat. Da reicht es, zu zeigen, dass er aus der eigenen Erfahrung gelernt hat.

Der zweite mutige Schritt ist die allgemeine Kritik an veralteten Therapieverfahren, an Verstrickungen von Ärzten und Therapeuten mit der Pharmaindustrie und an Therapiekonzepten, die Patienten unnötig in Abhängigkeit halten, was zwar die Kassen der Therapeuten füllt, nicht aber zur Gesundung des Patienten beiträgt. Mit dieser Kritik macht sich Dogs zum "Nestbeschmutzer". Ich denke, dass er sich dessen bewusst ist und mit Sicherheit weiß, dass er sich damit Feinde macht. Für den Leser ist es interessant, etwas darüber zu erfahren. Allerdings gehört das für meinen Geschmack nicht in dieser Ausführlichkeit unter den Titel. Dazu hat es zu viel Brisanz, wäre ein eigenes Buch wert und nimmt leider diesem Buch ein wenig den Raum für das Titelthema. Die Bedeutung der Gefühle für unser Leben kommt dadurch ein bisschen zu kurz, schließlich geht es ja nicht um korrupte Therapeuten oder ausgebuffte Pharmalobbyisten.

Fazit: Ich empfehle das Buch trotz der angesprochenen Kritik sehr gern. Der Grund ist, dass ich überzeugt davon bin, dass wir unsere Geschichten erzählen müssen. Die Erfahrungen, die Christian Peter Dogs beschreibt, haben viele Kinder seiner, der Vorgänger- und der Nachfolgegeneration gemacht. Viele von uns sind Opfer von Kränkungen, Misshandlungen und Machtspielen durch Eltern oder nahestehende Personen und ändern kann sich daran nur etwas, wenn wir diese Themen ans Licht holen. Darum danke ich dem Autor an dieser Stelle für seine Offenheit.
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Gefühle sind keine Krankheit Warum wir sie brauchen und wie sie uns zufrieden machen
Dr. med. Christian Peter Dogs und Nina Poelchau
ullstein Buchverlage GmbH 2017
ISBN 978 3 550 08195 8
Preis: 20 Euro
Webseite des Autors: http://www.christian-dogs.de

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